“Buen provecho”, das spanische Aequivalent zu “Guten Appetit” wird hier gebraucht, wenn alles aufgegessen ist. Entweicht mir ein “buen provecho” aus Gewohnheit mal bevor das Essen beginnt, ernte ich irritierte Blicke. Nun, es funktioniert vielleicht mehr wie ein “Mahlzeit” das Verwendung findet, wenn der Mittagstisch verlassen wird, wie in der Kantine der Hauni… . Was mich zunaechst noch mehr verwirrte ist, dass “adios” - in Spanien und dem Rest der spanischsprachigen Welt ein Abschiedsgruss - mir hier anstatt eines “hola” oder “buenos dias” entgegenschallt. Nach aktivem Druebernachdenken
Montag, 27. Oktober 2008
Diese Welt ist falschrum, oder Du haelst sie falschrum…
(Zitat aus “Falschrum” von Tele, einem der Lieder meiner deutschen Playlist, die mich allmorgendlich weckt.) Irgendwas in diesem Land scheint wirklich falschrum zu sein:
“Buen provecho”, das spanische Aequivalent zu “Guten Appetit” wird hier gebraucht, wenn alles aufgegessen ist. Entweicht mir ein “buen provecho” aus Gewohnheit mal bevor das Essen beginnt, ernte ich irritierte Blicke. Nun, es funktioniert vielleicht mehr wie ein “Mahlzeit” das Verwendung findet, wenn der Mittagstisch verlassen wird, wie in der Kantine der Hauni… . Was mich zunaechst noch mehr verwirrte ist, dass “adios” - in Spanien und dem Rest der spanischsprachigen Welt ein Abschiedsgruss - mir hier anstatt eines “hola” oder “buenos dias” entgegenschallt. Nach aktivem Druebernachdenken
habe ich aber auch hier eine Verbindung zu Bekanntem herstellen koennen… “adios” heisst soviel wie “zu Gott” (die Missionare des 16. Jhd haben hier nichts versaeumt) und in Oesterreich ist “Gruess Gott” ja auch eine gelaeufige Begruessungsformel. Nun, wo schon mal von Oesterreich die Rede ist… Neben der goettlichen Begruessung erinnert auch die Landschaft um Nebaj herum stark an Oesterreich (das erwaehnte ich ja bereits), insbesondere an Kaernten. Hohe gruenbewaldete Bergketten und tiefe schmale Taeler. Allein, dass hier in Nebaj im Winter zwar viel Regen, aber kein Schnee faellt! So ein Glueck, koennte naemlich ein wenig kalt werden ohne Heizung und apropos kalt… Heute morgen musste ich doch glatt auf meinen Fruehstueckskaffee verzichten, der Herd blieb naemlich kalt! “Wie eine Flasche leer” (ein weiteres beruehmtes Zitat) in diesem Fall halt die Gasflasche! Nun werde ich mich also nach der Arbeit auf die Suche nach neuem Gasvorat begeben, denn man lebt ja nicht vom Brot allein. Insbesondere nich hier in Nebaj, wo es zwar unendlich viele Baeckereien, aber leider kein saftiges Schwarzbrot gibt. Nun, dass ist wohl des Deutschen leid, sobald er die heimatlichen Grenzen ueberschreitet… Aber auch hier ist die Loesung nicht fern: selbst ist die Frau! Nach einem absoluten Sauerteigdesaster in Mexico, werde ich mich die Tage mal an ein Hefebrot wagen. Die leicht deformierten Bagel, die ich vergangene Woche zauberte waren zwar recht bissfest, wurden aber von amerikanischen und britischen Gaesten hoch gelobt (nun ja, sie sind halt auch schon mehrere Monate auf nebajensisches Brot angewiesen). Allerdings kann ich bereits Weizentortillas machen! Das habe ich letztes Wochenende in Gualán gelernt, aber das ist eine andere Geschichte…
“Buen provecho”, das spanische Aequivalent zu “Guten Appetit” wird hier gebraucht, wenn alles aufgegessen ist. Entweicht mir ein “buen provecho” aus Gewohnheit mal bevor das Essen beginnt, ernte ich irritierte Blicke. Nun, es funktioniert vielleicht mehr wie ein “Mahlzeit” das Verwendung findet, wenn der Mittagstisch verlassen wird, wie in der Kantine der Hauni… . Was mich zunaechst noch mehr verwirrte ist, dass “adios” - in Spanien und dem Rest der spanischsprachigen Welt ein Abschiedsgruss - mir hier anstatt eines “hola” oder “buenos dias” entgegenschallt. Nach aktivem Druebernachdenken
Freitag, 24. Oktober 2008
Das Fenster zur Strasse
Am Tag meiner Ankunft war ich unvorsichtig. Um den modrigen Geruch zu vertreiben, oeffnete ich das Fenster, ohne vorher die kleinen, staubbedeckten Farbdosen in Sicherheit zu bringen, die der vorige Bewohner zurueckgelassen hatte. Zwei Stunden spaeter waren noch fuenf Dosen auf der Fensterbank und zwei Kreise im Staub, dort wo vorher gelb und weiss gestanden hatten. Das ist mir eine Lehre: alles was nicht niet- und nagelfest ist, wird ab sofort mindestens eine Armlaenge vom Fenster entfernt aufbewahrt.
Heute schien es mir, dass bei geoffnetem Fenster der Buergersteig vor unserem Haus zu einem besonders beliebten Treffpunkt wird. Und obwohl die meisten Fussgaenger in der Stadt es bevorzugen auf der Strasse zu gehen, anstatt auf dem immer zu schmalen Buergersteig, werden die Passanten zu disziplienierten Buergersteigbenutzern, sobald mein Fenster geoeffnet ist, auch wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist. Gerade ist auch mein Nachbar Marco auf dem Weg zur Arbeit vorbeigeschlendert, er verkauft Unterwaesche auf dem Markt und ist meine erste lokale Bekanntschaft (abgesehen von den Arbeitskollegen und dem Baecker um die Ecke)! Liegt vielleicht daran, dass Baecker und Marco beide aus Guatemala hergezogen sind und daher etwas offener gegenueber einer grossen Fremden. Ich bin gespannt, welche Geschichten sich in den naechsten Monaten vor meinem Fenster zutragen werden!
Freitag, 10. Oktober 2008
Endlich Nebaj
Ich sitze gerade in meinem neuen Zimmer, an einem Laptop, den mir Lynn, der Leiter des Projektes „Agua para la Salud“ bereitgestellt hat. Im Hintergrund singt Ben Harper aus der Kombination meines I-Pods und der transportablen Boxen, die meine lieben Kollegen mir zum Abschied geschenkt haben. Ich habe mir mein Zimmer in den letzten Tagen eingerichtet. Wichtig zunaechst mal: Lueften und Vorhaenge waschen, um den modrigen Geruch rauszulassen. Dann Spinnen jagen, habe mindestens 10 unterschiedlicher Groesse erwischt und eine entsprechende Anzahl an Spinnenweben beseitigt. Nachdem ich staubgewischt und allen Moebelstuecken einen neuen Platz verpasst hatte, war ich schon recht zufrieden. Ein paar Photos an der Wand sowie Kerzen und Raucherstab auf selbstgebauten Haltern (das handwerkliches Geschick liegt in der Familie) sorgen fuer eine gemuetliche Grundstimmung. Nun, da ich wieder einen festen Wohnsitz, Computer und ein mehr oder weniger geregeltes Leben habe, komme ich sicher haeufiger dazu, Eintraege zu schreiben, die Euch Guatemala etwas naeher bringen. Ich fange gleich mal damit an:
ANREISE: von Xela (Quetzaltenango) nach Nebaj
Von verschiedenen Fortbewegungsmitteln, Gesetzesbruch und Naehebeduerfnis
Die Reise ist lang, die Strasse unberechenbar und die Busse fahrplanlos, also mache ich mich lieber zeitig auf den Weg. Nicht jedoch, ohne ein mit Marmelade gefuelltes Anisbroetchen vom ortsansaessigen Baecker und einen frischgepressten Orangensaft vom Strassenstand um die Ecke zu fruehstuecken. Als ich endlich los will, treffe ich Helen, eine ca. 55-jaehrige Schweizerin. Da lobe ich mir doch die Latinozeitauffassung, Reise hin oder her, fuer einen Plausch mit Bekannten und einen Tee ist noch immer Zeit gewesen! Helen ist seit einer Woche in Xela, das erste Mal in Lateinamerika unterwegs, sie reist allein, so wie ich, doch scheinen Welten zwischen uns zu liegen und irgendwie auch nicht. Helen meistert ihren Weg langsam aber sicher und ab naechster Woche wird sie fuer zwei Monate in einem Projekt fuer Strassenkinder arbeiten. Um neun stehe ich dann endlich an der Strassenecke. Zwei Maenner gehen Arm in Arm ueber die Strasse, wuerde nicht die Autoabgase in der Luft haengen, koennte ich wahrscheinlich selbst auf sichere Entfernung ihre Fahne riechen. Es ist Sonntag. Kein guter Tag, um mit dem Colectivo (Minivans, die bestimmte Routen fahren und im Zweifelsfall alle 10m anhalten um Fahrgaeste ein- und aussteigen zu lassen; Klassifikation: sehr guenstig) zu fahren, da feilsche ich also besser mit einem Taxifahrer um den Fahrpreis zum Busterminal, will ja heute noch ankommen. Perfektes Timing durch absolute Planlosigkeit! Der Bus nach Los Enquentros scheint nur auf mich zu warten und, welche Freude, es handelt sich um ein Modell erster Klasse, das Gepaeck wird trocken im Laderaum verstaut, ich habe einen Sitz fuer mich und kann meine Beine ausstrecken (dass das nicht selbstverstaendlich ist, wird der aufmerksame Leser bald erkennen…). Die Strasse schlaengelt sich bergauf, bergab durch eine wunderschoen gruene Landschaft, die mich ein wenig an Oesterreich erinnert. Frueher hat es hier wohl von Pinien nur so gewimmelt, heute ragen nur noch wenige auf den steilen Maisfeldern in die Hoehe. In Los Enquentros habe ich gerade Zeit zwei Aepfel zu kaufen bevor der Bus angerauscht kommt, der mich nach Quiché bringt. Diesmal landet mein Rucksack auf dem Dachgepaecktraeger des bunt angemalten Buses. Ich lande in der dritten Reihe, zum Glueck ist der Bus nicht voll, so teile ich mir meine Bank nur mit einer Frau, alles ander waere auch knapp geworden, denn der Abstand der Baenke ist geringer als die Laenge meiner Oberschenkel… Breitbeinig passt es geradeso, gut, dass ich gelenkig bin! Ich beisse gerade genuesslich in meinen gerade erstandenen Apfel, der zwar nicht ganz perfekt aussieht, dafuer aber noch richtig nach Apfel schmeckt, als wir ein Schild passieren, dass die Einfuhr von Obst (insbesondere auch Aepfel) verbietet… whoops… Gut, dass auch hier die guatemaltekische Gruendlichkeit Anwendung findet, ich lasse den Apfel unter meiner Tasche verschwinden, der Kontrolleur schlendert durch den Bus und kaum ist er raus, kann ich meinen Apfel aufessen, um saemtliche Beweise zu vernichten. Die Strasse wird kurviger und der Busfahrer hat es scheinbar eilig, so dass ich beginne, mir zu wuenschen, der Bus sei voller. Leib an Leib gepresst rutscht man wenigstens nicht staendig hin und her… Nach knapp einer Stunde ist es geschafft. Fuer die letzte Etappe steht ein Van bereit. Auch hier gilt, weniger ist mehr: weniger Platz pro Person, bedeutet mehr Geld fuer den Fahrer, ganz einfach. Wir warten darauf, dass der Wagen sich fuellt. Als zwei Europaeer mit Laptoptaschen auf uns zukommen. Es handelt sich um Peter und Ed, meine Kollegen bei “Agua para la Salud”. Der Wagen ist voll, wir fahren los. Auf dem Weg werden noch drei Leute dazugeladen, voll ist eben relativ. Bald steigen vier Leute aus, jedoch auch nur, damit ca. 100m weiter fuenf eingeladen werden koennen. Mein neuer Kollege sitzt neben mir, Teambuilding inclusive! Gluecklicherweise ist die Strasse nach den Erdrutschen der letzten Woche wieder passierbar, so befinden wir uns nicht laenger als noetig in der kuscheligen Enge. Nach ca. 6h ist Nebaj erreicht, mein neues zu Hause, zumindest fuer die naechsten 6 Monate.
ANREISE: von Xela (Quetzaltenango) nach Nebaj
Von verschiedenen Fortbewegungsmitteln, Gesetzesbruch und Naehebeduerfnis
Die Reise ist lang, die Strasse unberechenbar und die Busse fahrplanlos, also mache ich mich lieber zeitig auf den Weg. Nicht jedoch, ohne ein mit Marmelade gefuelltes Anisbroetchen vom ortsansaessigen Baecker und einen frischgepressten Orangensaft vom Strassenstand um die Ecke zu fruehstuecken. Als ich endlich los will, treffe ich Helen, eine ca. 55-jaehrige Schweizerin. Da lobe ich mir doch die Latinozeitauffassung, Reise hin oder her, fuer einen Plausch mit Bekannten und einen Tee ist noch immer Zeit gewesen! Helen ist seit einer Woche in Xela, das erste Mal in Lateinamerika unterwegs, sie reist allein, so wie ich, doch scheinen Welten zwischen uns zu liegen und irgendwie auch nicht. Helen meistert ihren Weg langsam aber sicher und ab naechster Woche wird sie fuer zwei Monate in einem Projekt fuer Strassenkinder arbeiten. Um neun stehe ich dann endlich an der Strassenecke. Zwei Maenner gehen Arm in Arm ueber die Strasse, wuerde nicht die Autoabgase in der Luft haengen, koennte ich wahrscheinlich selbst auf sichere Entfernung ihre Fahne riechen. Es ist Sonntag. Kein guter Tag, um mit dem Colectivo (Minivans, die bestimmte Routen fahren und im Zweifelsfall alle 10m anhalten um Fahrgaeste ein- und aussteigen zu lassen; Klassifikation: sehr guenstig) zu fahren, da feilsche ich also besser mit einem Taxifahrer um den Fahrpreis zum Busterminal, will ja heute noch ankommen. Perfektes Timing durch absolute Planlosigkeit! Der Bus nach Los Enquentros scheint nur auf mich zu warten und, welche Freude, es handelt sich um ein Modell erster Klasse, das Gepaeck wird trocken im Laderaum verstaut, ich habe einen Sitz fuer mich und kann meine Beine ausstrecken (dass das nicht selbstverstaendlich ist, wird der aufmerksame Leser bald erkennen…). Die Strasse schlaengelt sich bergauf, bergab durch eine wunderschoen gruene Landschaft, die mich ein wenig an Oesterreich erinnert. Frueher hat es hier wohl von Pinien nur so gewimmelt, heute ragen nur noch wenige auf den steilen Maisfeldern in die Hoehe. In Los Enquentros habe ich gerade Zeit zwei Aepfel zu kaufen bevor der Bus angerauscht kommt, der mich nach Quiché bringt. Diesmal landet mein Rucksack auf dem Dachgepaecktraeger des bunt angemalten Buses. Ich lande in der dritten Reihe, zum Glueck ist der Bus nicht voll, so teile ich mir meine Bank nur mit einer Frau, alles ander waere auch knapp geworden, denn der Abstand der Baenke ist geringer als die Laenge meiner Oberschenkel… Breitbeinig passt es geradeso, gut, dass ich gelenkig bin! Ich beisse gerade genuesslich in meinen gerade erstandenen Apfel, der zwar nicht ganz perfekt aussieht, dafuer aber noch richtig nach Apfel schmeckt, als wir ein Schild passieren, dass die Einfuhr von Obst (insbesondere auch Aepfel) verbietet… whoops… Gut, dass auch hier die guatemaltekische Gruendlichkeit Anwendung findet, ich lasse den Apfel unter meiner Tasche verschwinden, der Kontrolleur schlendert durch den Bus und kaum ist er raus, kann ich meinen Apfel aufessen, um saemtliche Beweise zu vernichten. Die Strasse wird kurviger und der Busfahrer hat es scheinbar eilig, so dass ich beginne, mir zu wuenschen, der Bus sei voller. Leib an Leib gepresst rutscht man wenigstens nicht staendig hin und her… Nach knapp einer Stunde ist es geschafft. Fuer die letzte Etappe steht ein Van bereit. Auch hier gilt, weniger ist mehr: weniger Platz pro Person, bedeutet mehr Geld fuer den Fahrer, ganz einfach. Wir warten darauf, dass der Wagen sich fuellt. Als zwei Europaeer mit Laptoptaschen auf uns zukommen. Es handelt sich um Peter und Ed, meine Kollegen bei “Agua para la Salud”. Der Wagen ist voll, wir fahren los. Auf dem Weg werden noch drei Leute dazugeladen, voll ist eben relativ. Bald steigen vier Leute aus, jedoch auch nur, damit ca. 100m weiter fuenf eingeladen werden koennen. Mein neuer Kollege sitzt neben mir, Teambuilding inclusive! Gluecklicherweise ist die Strasse nach den Erdrutschen der letzten Woche wieder passierbar, so befinden wir uns nicht laenger als noetig in der kuscheligen Enge. Nach ca. 6h ist Nebaj erreicht, mein neues zu Hause, zumindest fuer die naechsten 6 Monate.
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