Freitag, 10. Oktober 2008

Endlich Nebaj

Ich sitze gerade in meinem neuen Zimmer, an einem Laptop, den mir Lynn, der Leiter des Projektes „Agua para la Salud“ bereitgestellt hat. Im Hintergrund singt Ben Harper aus der Kombination meines I-Pods und der transportablen Boxen, die meine lieben Kollegen mir zum Abschied geschenkt haben. Ich habe mir mein Zimmer in den letzten Tagen eingerichtet. Wichtig zunaechst mal: Lueften und Vorhaenge waschen, um den modrigen Geruch rauszulassen. Dann Spinnen jagen, habe mindestens 10 unterschiedlicher Groesse erwischt und eine entsprechende Anzahl an Spinnenweben beseitigt. Nachdem ich staubgewischt und allen Moebelstuecken einen neuen Platz verpasst hatte, war ich schon recht zufrieden. Ein paar Photos an der Wand sowie Kerzen und Raucherstab auf selbstgebauten Haltern (das handwerkliches Geschick liegt in der Familie) sorgen fuer eine gemuetliche Grundstimmung. Nun, da ich wieder einen festen Wohnsitz, Computer und ein mehr oder weniger geregeltes Leben habe, komme ich sicher haeufiger dazu, Eintraege zu schreiben, die Euch Guatemala etwas naeher bringen. Ich fange gleich mal damit an:

ANREISE: von Xela (Quetzaltenango) nach Nebaj
Von verschiedenen Fortbewegungsmitteln, Gesetzesbruch und Naehebeduerfnis
Die Reise ist lang, die Strasse unberechenbar und die Busse fahrplanlos, also mache ich mich lieber zeitig auf den Weg. Nicht jedoch, ohne ein mit Marmelade gefuelltes Anisbroetchen vom ortsansaessigen Baecker und einen frischgepressten Orangensaft vom Strassenstand um die Ecke zu fruehstuecken. Als ich endlich los will, treffe ich Helen, eine ca. 55-jaehrige Schweizerin. Da lobe ich mir doch die Latinozeitauffassung, Reise hin oder her, fuer einen Plausch mit Bekannten und einen Tee ist noch immer Zeit gewesen! Helen ist seit einer Woche in Xela, das erste Mal in Lateinamerika unterwegs, sie reist allein, so wie ich, doch scheinen Welten zwischen uns zu liegen und irgendwie auch nicht. Helen meistert ihren Weg langsam aber sicher und ab naechster Woche wird sie fuer zwei Monate in einem Projekt fuer Strassenkinder arbeiten. Um neun stehe ich dann endlich an der Strassenecke. Zwei Maenner gehen Arm in Arm ueber die Strasse, wuerde nicht die Autoabgase in der Luft haengen, koennte ich wahrscheinlich selbst auf sichere Entfernung ihre Fahne riechen. Es ist Sonntag. Kein guter Tag, um mit dem Colectivo (Minivans, die bestimmte Routen fahren und im Zweifelsfall alle 10m anhalten um Fahrgaeste ein- und aussteigen zu lassen; Klassifikation: sehr guenstig) zu fahren, da feilsche ich also besser mit einem Taxifahrer um den Fahrpreis zum Busterminal, will ja heute noch ankommen. Perfektes Timing durch absolute Planlosigkeit! Der Bus nach Los Enquentros scheint nur auf mich zu warten und, welche Freude, es handelt sich um ein Modell erster Klasse, das Gepaeck wird trocken im Laderaum verstaut, ich habe einen Sitz fuer mich und kann meine Beine ausstrecken (dass das nicht selbstverstaendlich ist, wird der aufmerksame Leser bald erkennen…). Die Strasse schlaengelt sich bergauf, bergab durch eine wunderschoen gruene Landschaft, die mich ein wenig an Oesterreich erinnert. Frueher hat es hier wohl von Pinien nur so gewimmelt, heute ragen nur noch wenige auf den steilen Maisfeldern in die Hoehe. In Los Enquentros habe ich gerade Zeit zwei Aepfel zu kaufen bevor der Bus angerauscht kommt, der mich nach Quiché bringt. Diesmal landet mein Rucksack auf dem Dachgepaecktraeger des bunt angemalten Buses. Ich lande in der dritten Reihe, zum Glueck ist der Bus nicht voll, so teile ich mir meine Bank nur mit einer Frau, alles ander waere auch knapp geworden, denn der Abstand der Baenke ist geringer als die Laenge meiner Oberschenkel… Breitbeinig passt es geradeso, gut, dass ich gelenkig bin! Ich beisse gerade genuesslich in meinen gerade erstandenen Apfel, der zwar nicht ganz perfekt aussieht, dafuer aber noch richtig nach Apfel schmeckt, als wir ein Schild passieren, dass die Einfuhr von Obst (insbesondere auch Aepfel) verbietet… whoops… Gut, dass auch hier die guatemaltekische Gruendlichkeit Anwendung findet, ich lasse den Apfel unter meiner Tasche verschwinden, der Kontrolleur schlendert durch den Bus und kaum ist er raus, kann ich meinen Apfel aufessen, um saemtliche Beweise zu vernichten. Die Strasse wird kurviger und der Busfahrer hat es scheinbar eilig, so dass ich beginne, mir zu wuenschen, der Bus sei voller. Leib an Leib gepresst rutscht man wenigstens nicht staendig hin und her… Nach knapp einer Stunde ist es geschafft. Fuer die letzte Etappe steht ein Van bereit. Auch hier gilt, weniger ist mehr: weniger Platz pro Person, bedeutet mehr Geld fuer den Fahrer, ganz einfach. Wir warten darauf, dass der Wagen sich fuellt. Als zwei Europaeer mit Laptoptaschen auf uns zukommen. Es handelt sich um Peter und Ed, meine Kollegen bei “Agua para la Salud”. Der Wagen ist voll, wir fahren los. Auf dem Weg werden noch drei Leute dazugeladen, voll ist eben relativ. Bald steigen vier Leute aus, jedoch auch nur, damit ca. 100m weiter fuenf eingeladen werden koennen. Mein neuer Kollege sitzt neben mir, Teambuilding inclusive! Gluecklicherweise ist die Strasse nach den Erdrutschen der letzten Woche wieder passierbar, so befinden wir uns nicht laenger als noetig in der kuscheligen Enge. Nach ca. 6h ist Nebaj erreicht, mein neues zu Hause, zumindest fuer die naechsten 6 Monate.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

juhuu, die cathrin schreibt wieder...was fuer eine freude, von dir zu hoeren bzw. zu lesen. kanns kaum erwarten mehr zu erfahren...ueber dein projekt, die kollegen, die landschaft, das essen und ueberhaupt!!! ganz liebe gruesse aus indien und einen dicken kuss, stefan

Anonym hat gesagt…

ja, schön mal wieder von Dir zu hören! Wir wollten gerade anfangen uns Sorgen zu machen.
Was ist mit Fotos?
Weiterhin alles Gute und sieh zu das nicht zu viel von der guatemaltekischen Gruendlichkeit auf Dich abfärbt :-)

Grüße aus Hamburg,
Burkhard