Montag, 23. Februar 2009

The Omnivore's Dilemma

Michael Pollans “Natuerliche Geschichte von vier Gerichten” rangiert zur Zeit in den Top-Ten meiner Lieblingsbuecher. Auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: “What should we have for dinner.” fuehrt ihn seine Reise durch die US-Amerikanische Nahrungsmittelindustrie. Das erste Kapitel berichtet von den wahren Maismenschen. Seit Jahrhunderten betrachten sich Mexikaner, Guatemalteken und alle anderen Maya-Nachkommen als Menschen des Mais. Aus eigener Erfahrung kann ich den hohen Maiskonsum bestaetigen: Tortilla zum Fruehstueck, Tortilla zum Mittagessen und Tortilla zum Abendbrot (gerechterweise sollte es wohl Abendtortilla heissen…), alles wird mit Tortilla gegessen, im Zweifelsfall gibt es dann auch Tamales (im Maisblatt gekochter Maisteig) mit Tortilla. Da ist es doch verwunderlich, dass Pollan behauptet, dass heute der durchschnittliche US-Amerikaner der wahre Maismensch ist. Ist das eine weitere unbegruendete Behauptung aus dem hoeher, schneller, weiter Repertoire der Vereinigten Staaten von Amerika? Wir koennen alles besser, auch Mais? Laut Pollan nicht. Mit leicht sarkastischem Unterton beschreibt er, wie Mais seit Mitte des letzten Jahrhunderts in enger Partnerschaft mit Soya US-Boden erobert hat und durch syntetische Ertragssteigerung, industrialisierte Monokultur und staatliche Subventionen zum billigsten Kalorienlieferanten wurde. Billig allerdings nur auf den ersten Blick, ohne Beruecksichtigung der “Nebenkosten” und Kolateralschaeden, wie Ueberduengung, Kontaminierung des Grundwassers, Reduzierung der Artenvielfalt, bis hin zum erhoeten Oelkonsum, artfremder Tierhaltung und Fuetterung, die mit der vorsorglichen Gabe von Antibiotika zur Resistenz der Bakterien beitraegt, bis hin zur US-Amerikanischen Fettleibigkeit und erhoehter Rate von Herzerkrankungen. Aufgrund der hohen Konzentration des C13-Isotops in Mais (andere Kohlenhydratlieferanten wie Reis und Weizen haben eine geringere Konzentration von C13 im Verhaeltnis zu C12) ist Mais auch am Ende der Nahrungskette (ergo im Menschen) nachweisbar. Wie er dahingelangt ist weniger leicht zu ergruenden, da Mais unter vielen Namen mit verschiedensten Eigenschaften in Lebensmitteln auftritt: in grossen Mengen als Glucosesirup in Softdrinks (die in den USA schon lange nicht mehr mit Zucker gesuesst werden), aber auch als “citric and lactic acid; glucose, fructose, and maltodexstrin; ethanol (…), sorbitol, mannitol, and xanthan gum; modified and unmodified starches; as well as dextrins and cyclodextrins and MSG (…)” (MP: Omnivore’s Dilemma, S.86). Schaut doch mal auf der Packung der letzten TK-Pizza, wie viele Mais-Bestandteile drin sind…
Dazu kommt, dass beispielsweise Kuehe und Lachs, beide von Natur aus keine Maisesser in den USA heute fast ausschliesslich mit Mais gemaestet werden. Weil sie dass nicht so gut vertragen, werden die Antibiotika gleich mitgefuettert, das hilft dann auch gegen Krankheiten, die Aufgrund der Massentierhaltung um sich greifen. Gut dass die Tiere recht jung geschlachtet werden (Mais laesst sie schneller an Gewicht gewinnen), denn viel laenger wuerde der Magen eh nicht mitmachen. Zu dumm nur, dass der menschliche Koerper sich im Laufe der Evolution auf die Verdauung von Grassfressern (Kuehe) und Planktonfresser (Lachs) spezialisiert hat (um bei den beiden genannten Beispielen zu bleiben). Die beispielsweise weniger Omega-3-Fettsaeuren produzieren, wenn sie Mais anstatt Grass, respektive Plankton fressen. Gut zu wissen, dass es im Supermarkt gleich neben der Fischtheke Omega-3-Fettsaeure-Tabletten zu kaufen gibt. Denn eine Studie aus dem Jahr 2004 besagt, dass schwangere Frauen, die nahrungsergaenzend Omega-3 erhalten, Kinder mit hoerem IQ gebaehren und Kinder mit geringem Omega-3-Anteil in der Ernaehrung eher Lernschwierigkeiten aufweisen. Macht Essen dumm? Im zweiten Teil des Buches schaut sich Pollan im Bio-Sektor um. Auch hier ist das Bild nicht durchweg positiv und biologisch heisst nicht immer natuerlich. Ein positives Bild hinterlaesst allerdings die “Polyface-Farm” in Swoope, Virginia. (Claudia, das ist 4.5 Autostunden von Charlotte…), wo Tiere aus Sonnenenergie gefuettert werden, die von Gras in Proteine und Kohlenhydrate verwandelt wird. In einer faszinierenden Synergie leben Kuehe, Schweine, Hasen und Huehner zusammen und bilden einen Kreislauf in dem Abfall nicht existiert und alle Energie von der Sonne kommt. Der letzte Teil des Buches beschreibt die Urform der Nahrungsbereitung: Jagen und Sammeln… Mit dem Kapitel habe ich aber gerade erst angefangen und lese nach dem Mittagessen weiter. Guten Appetit.

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